OFFENER BRIEF ZUR ABSTIMMUNG DES LANDTAGS HINSICHTLICH DES THEMAS „REGIO-WÄHRUNG“

An die
Landtagsabgeordneten der
Autonomen Provinz Bozen

Silvius-Magnago-Platz 6

39100 BOZEN (BZ)

Feldthurns, am 19.06.2017


Offener Brief zur Abstimmung DES LANDTAGS hinsichtlich des Themas „REGIO-WÄHRUNG“

Sehr geehrte Landtagsabgeordnete,

wir beziehen uns mit dem vorliegenden Schreiben auf den Beschlussantrag Nr. 768/17-XV „Südtiroler Regiogeld und soziale Unterstützungsmaßnahmen.

Der vom Landtagsabgeordneten Paul Köllensperger eingereichte Antrag war – wie auch durch die Medien bekannt – im Vorfeld mit unserer Zuarbeit vorbereitet und ausgearbeitet worden. Er wurde im Südtiroler Landtag am 7. Juni 2017 diskutiert und im Rahmen der Abstimmung mehrheitlich abgelehnt. Dazu nehmen wir im Folgenden Stellung.

Grundlegende Würdigung des Abstimmungsverhaltens

Zunächst drücken wir als Inititativgruppe HumanEconomy unser außerordentliches Bedauern darüber aus, dass die Landespolitiker damit eine weitere Chance nicht wahrgenommen haben, jene, aus unserer Sicht zentralen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Themen „Schuldgeld und alternative Tauschmittelsysteme“, näher zu betrachten. Auch nach unserer über drei Jahre anhaltenden Aufklärungsarbeit und der Erarbeitung von Konzeptvorschlägen und Lösungsansätzen für ein von Realwerten gedecktes lokales Währungssystem in Südtirol scheint das Thema auf der politischen Bühne weiterhin stiefmütterlich behandelt zu werden.

Die Liste unserer ehrenamtlichen Initiativen und Unternehmungen dafür ist lang. Wir haben verschiedene Aufklärungsaktionen unternommen (Pressekonferenzen, Radio-Interviews, Flugblattkampagnen, etc.). Wir haben rund 30 Vorträge innerhalb des Landes gehalten, Workshops organisiert (einen speziell für Juristen und Wirtschaftsexperten) sowie einen Geldkongress in der EURAC abgehalten. Wir haben Presseaussendungen und Publikationen erstellt, mediale Produkte erzeugt, u.v.m. Wir haben Veranstaltungen (s.g. „Hearings“) abgehalten zu denen die Vertreter sämtlicher Vereine, Verbände, öffentlicher Körperschaften und dergleichen eingeladen waren. Im Rahmen dieser Hearings haben wir sehr deutlich die Vision und das Konzept eines regionalen wertbeständigen Tauschsystems für Südtirol dargestellt. All diese Konzeptvorschläge fußen auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen hochrangiger international anerkannter Experten der Wirtschaftswissenschaften und auf dem lebendigen Beispiel gut funktionierender alternativer Tauschsysteme.

Sämtliche Abgeordnete unseres Landtags und die Bürgermeister Südtirols haben eine Infobroschüre und unser Kongressbuch zu diesen brisanten Themen erhalten. Auch für die vorgenannten wesentlichen Veranstaltungen (Workshop, Kongress und Hearings) ergingen persönliche Einladungen an Sie, verehrte Volksvertreter. Leider war nur ein Abgeordneter des Landtages bei diesen Events anwesend, der Fraktionsvorsitzende des M5S, Paul Köllensperger. Ihre Abwesenheit entschuldigen lassen haben lediglich der LH Dr. Arno Kompatscher und die Assessorinnen Dr. Martha Stocker und Dr. Waltraud Deeg.


Videoaufzeichnung des Beschlußantrags Nr. 768/17 [Landtagssitzung vom 7. Juni 2017]
„Südtiroler Regiogeld und soziale Unterstützungsmaßnahmen“

Analysiert man die Videoaufzeichnungen der Landtagsdiskussion vom 7. Juni 2017, so spiegelt sich die allgemeine politische Ablehnung des Themas in der fehlerhaften, unsachlichen und widersprüchlichen Argumentationsführung der Abgeordneten wider. Wer ein Thema vorab nicht inhaltlich in der Tiefe durchdringt kann auch nicht qualifiziert darüber sprechen. Bereits die mangelnde Fähigkeit zwei klar voneinander getrennte Instrumente, die „Kreditkompensation“ und das „Gutscheinsystem“, konzeptionell zu unterscheiden, lässt weit blicken. Diese Instrumente wurden inhaltlich zum Teil vollkommen missverstanden, zum Teil vermischt. Aus diesen Gründen sehen wir uns veranlasst Ihnen diese Konzepte nachfolgend kurz zu erläutern.

Kreditkompensationssystem

Ein Kreditkompensationssystem ist ein Verrechnungskreis mit welchem die Mitglieder einer Gemeinschaft (z.B. Genossenschaft für das Land Südtirol) jene Forderungen und Verbindlichkeiten, welche sie untereinander gegenseitig haben, gemeinschaftlich verrechnen („kompensieren“). Ziel ist es dadurch die Zahlungssicherheit innerhalb der Gemeinschaft zu erhöhen und den Liquiditätsbedarf zu senken.

Simples Beispiel (zum grundlegenden Verständnis des Prinzips):

KreislaufWirtschaftZwei Unternehmen stellen sich gegenseitig auf der Grundlage von erbrachten Leistungen Rechnungen i.H.v. € 1.000 aus. Anstatt Geld als Tauschmittel (z.B. Euro) für die gegenseitige Bezahlung der Leistungen zu verwenden, kompensieren die beiden Unternehmen ihre Beträge. Dies bedeutet, sie wenden jeweils € 0 auf um ihre Eingangsrechnung zu bezahlen. Dieses einfache Verrechnungsprinzip wird in einem Kompensationssystem auf die gesamte Gemeinschaft übertragen. Die Forderungen und Verbindlichkeiten werden in der Folge nicht nur bilateral sondern multilateral kompensiert. Auf diese Weise sinkt kollektiv der Bedarf an Geld als Tauschmittel.

Die Beteiligung an solchen Systemen ist grundlegend für Unternehmen, Verbände und öffentliche Körperschaften (d.h. Inhaber von Mehrwertsteuernummern) gedacht. Eine Kompensationsplattform kann privat betrieben werden. Eine private Genossenschaft könnte demnach (ggf. auch in Kooperation mit einer öffentlichen Körperschaft) den gesamten Verrechnung– und Zahlungsverkehr abwickeln und zentral steuern. Eine Banklizenz ist für diese Tätigkeit nicht erforderlich.

Wie im Beschlussantrag Nr. 768/17-XV erwähnt sind die Vorteile eines Kreditkompensationssystems für sämtliche Beteiligten beachtlich und wurden bereits erfolgreich in der Praxis umgesetzt (vgl. Sardex, WIR – https://www.wir.ch):

  • Senkung des Liquiditätsbedarfs
  • Überbrückung von Liquiditätsengpässen ohne die Inanspruchnahme von verzinsten Bankkrediten
  • Erhöhung der Zahlungssicherheit innerhalb des Mitgliederkreises
  • Vernetzung und neues Potenzial für stabile Kooperationen der beteiligten Unternehmen (Kunden/Lieferanten)
  • Umsatzsteigerungschancen

Gutscheinsystem als Komplementärwährung

Eine Komplementärwährung ist ein System in dem eine lokale Gemeinschaft (z.B. eine Genossenschaft) selbst geschaffene Verrechnungseinheiten (nachfolgend „VE“) emittiert und die Mitglieder derselben diese untereinander als Zahlungsmittel verwenden. D.h., die Mitglieder einigen sich darauf, dass die VE Kaufkraft für den Erwerb von Gütern und Dienstleistungen erhält und als Zahlungsmittel akzeptiert wird.

Es gibt unterschiedliche Formen und Gestaltungsmöglichkeiten solcher Systeme. Um die für Italien anwendbaren Modelle zu eruieren ist die folgende Unterscheidung wichtig.

1. Scheinbare Komplementärwährungssysteme – Koppelung der VE an eine offizielle, internationale Währung (z.B. Euro)

Die VE kann in Euro gewechselt und von Euro wiederum in VE zurückgewechselt werden. Dies bedeutet die VE ist zur Gänze an eine offizielle international anerkannte Währung und an dessen Wertentwicklung gebunden. Dafür gibt es bereits Beispiele auch in Südtirol. Der Tourismusverein Brixen stellt z.B. Gutscheine aus, mit denen in Partner-Geschäften der Stadt eingekauft werden kann. Ähnlich funktionieren das Münzgeld „MirSarner“ im Sarntal, sowie die monni-Card des Handels- und Dienstleistungsverbandes (HDS) welche landesweit funktioniert. In einem solchen System werden die VE buchhalterisch erfasst und betrachtet wie die offizielle internationale Währung Euro, an welche die VE gekoppelt ist. Man kann daher bei solchen Systemen lediglich von einer scheinbaren regionalen Währung sprechen. Die VE ist ein Euro-Äquivalent mit anderem Erscheinungsbild (anderer Geldschein oder Münze), die nur in einem begrenzten lokalen Umfeld zirkuliert und akzeptiert wird.

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2. Eigenständiges Komplementärwährungssystem – Entkoppelung der VE von einer offiziellen Währung

Die aus unserer Sicht wesentlich fortschrittlichere und zielführendere Struktur eines regionalen Währungssystems beinhaltet die Loslösung der lokalen VE von der offiziellen, internationalen Währung. In diesem Fall werden VE von zentraler Stelle aus über eine Genossenschaft emittiert und in den Umlauf gebracht (v.a. Geldschöpfung und Geldvernichtung). Es gibt keine Umwandlungsmöglichkeit der VE in eine offizielle internationale Währung – weder in die eine noch in die andere Richtung. Ein solches System bietet der Genossenschaft unterschiedliche Optionen. Sie kann den Wert der VE an eine offizielle Währung binden, sie kann den VE-Wert jedoch auch über einen Warenkorb oder aber Arbeitszeit definieren.

Der Gestaltungsspielraum Komplementärwährungssysteme zu entwerfen ist groß. Effizient sind häufig Mischformen der angeführten Systeme (auch in Kombination mit der Kreditkompensation). Auf diese Weise ergänzen sich die Systeme und führen zu einer starken Vernetzung und Kooperation.

Warum sprechen wir in diesem Zusammenhang vorwiegend von einem „Gutscheinsystem“ als Komplementärwährung?

Die derzeitige Rechtslage in Italien schränkt im Unterschied zu unseren deutschsprachigen Nachbarländern den Gestaltungsspielraum für die Erschaffung regionaler Währungen ein. Vollkommen unabhängige regionale, also nicht an eine offizielle Währung gekoppelte Komplementärwährungssysteme sind rechtlich untersagt. Waren und Dienstleistungen dürfen in Italien nicht zu 100% über eine Euro-unabhängige regionale VE getauscht werden, wenn der Tausch eine B2B- (business to business) oder B2C- (business to consumer) Handelsbeziehung betrifft. Lediglich zwischen Privaten wäre dies möglich. Zulässig ist daher nur die Verrechnung eines Teils der Ware/ Dienstleistung mittels einer Euro-entkoppelten VE. Dies bedeutet, ein Unternehmen bietet sein Produkt mit einem gemischten, zweiteiligen Verrechnungspreis an. Der alternative Währungsanteil wird hierbei in Italien als Preisreduzierung und deshalb als „Gutschein“ angesehen.

Beispiel:

Eine Keramikvase mit einem Marktwert von € 100 wird „preislich zweigeteilt“, d.h.:

  1. der Kunde bezahlt beim Kauf 70% des Preisbetrages in Euro (€ 70 – Anteil der offiziellen Währung) und
  2. 30% des Preisbetrages in Gutscheinen (30 VE – Anteil der Gutschein-Komplementär-Währung).

Der Verkäufer der Vase verwendet die entgegengenommenen Gutscheine seinerseits wiederum für den Kauf von Gütern und Dienstleistungen jener Unternehmen und Privaten, die Mitglieder der Gutschein-Genossenschaft sind. Die VE behält somit ihre Kaufkraft und zirkuliert als paralleles Zahlungsmittel.

Rechtlich und steuertechnisch fällt der Gutschein unter den Geltungsbereich eines Preisrabatts. Die Rahmenbedingungen für den erlaubten Preisnachlass werden von den Sektorstudien („studi di settore“) bestimmt.

Die Schöpfung und Emission der Gutscheine erfolgt über eine zentrale, genossenschaftlich geführte Plattform. Diese steuert zentral die Geldmenge und den Fluss der VE. Dieser Ansatz ist rechtlich gangbar und sicher. Auf der Grundlage dieses Konzeptes arbeitet das System der sogenannten Rete di Mutuo Credito („RMC“). Diese digitale Plattform betreibt seit über zehn Jahren in Italien viele alternative lokale Tauschkreise, die mit Gutscheinen arbeiten.

Kommentierung weiterer Aspekte

Im Folgenden nehmen wir Stellung zu den themenbezogenen Aussagen der Abgeordneten im Rahmen der Landtagsdiskussion vom 7. Juni. Allgemein muss gesagt werden, dass viele Landtagsabgeordnete über technische Details und Teilaspekte regionaler Geldsysteme gesprochen haben. Der Moment für eine derartige Debatte ist jedoch verfrüht. Gegenstand des Beschlussantrages war lediglich die Einberufung einer Expertenkommission, die unterschiedliche rechtlich gangbare Optionen eines Regionalgeldes konzeptionell aufarbeitet und für Südtirol strukturiert. Eine Diskussion über inhaltliche Details ist erst nach Vorliegen eines ausgereiften und konkreten Konzeptvorschlags für ein bestimmtes Regio-Währungs-System sinnvoll.

Dennoch gehen wir im Folgenden auf einige Konzepte ein. Auf diese Weise verbreitet sich ein tieferes Verständnis für die einzelnen Inhalte des komplexen Themenbereichs.

1. Umlaufsicherung

Die Optionen ein Geldsystem zu steuern sind unterschiedlich: Zinspolitik, Steuerpolitik, Geldmengenregulierung, Kreditvergabekriterien der Notenbanken, etc. Ein Regionalwährungssystem kann in gleicher Weise mit unterschiedlichen Instrumenten geführt und gesteuert werden. Die Umlaufsicherung („Schwund-Geld“ nach Silvio Gesell) stellt eines dieser Instrumente dar, es ist jedoch in einem Regionalwährungssystem nicht zwingend erforderlich.

Ein famoses Beispiel für den Erfolg einer umlaufgesicherten Regionalwährung ist das „Wörgler Freigeld“. In diesem System fußte die beachtliche Zunahme des lokalen Wirtschaftsaufkommens nicht allzu sehr auf die Ausweitung der Kreditgeld-Menge, wie vom Landeshauptmann erwähnt, sondern auf die Umlaufgeschwindigkeit, welche eben durch die Umlaufsicherung erreicht wurde. Die Ausweitung der Kreditgeld-Menge kann nur als Nebeneffekt angesehen werden. An dieser Stelle muss jedoch auch gesagt werden, dass sich dieses sogenannte „Wunder von Wörgl“ inmitten der großen Wirtschafts- und Finanzkrise der 1930er Jahre ereignete, in der die kollektive Liquidität ohnehin extrem knapp war und dadurch der Umlaufeffekt erhöht.

Die vorgenannten Systeme für Kreditkompensation, Sardex und WIR werden beispielsweise nicht mit einer Umlaufsicherung reguliert.

2. Wirtschaftsraum für Regionalwährungen

Unter dem Gesichtspunkt, der Versorgungssicherheit, der lokalen Kooperation und der ökologischen Nachhaltigkeit gilt tendenziell: je kleiner der eigenständige, sich selbst versorgende Wirtschaftsraum, desto besser. Deshalb ist die dichte wirtschaftliche Vernetzung innerhalb eines Bezirks bzw. einer Teilgemeinschaft sinnvoll und erstrebenswert. Für eine flächendeckende Versorgung mit sämtlichen Dienstleistungen und Produkten ist jedoch auch die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Teilgemeinschaften bis hin zur überregionalen Vernetzung (gegebenenfalls auch über die Staatsgrenzen hinweg) sinnvoll. Die Plattform RMC verbindet bereits überregionale Wirtschaftsräume (alle Mitglieder des Netzwerks können über die Plattform unabhängig von ihrem Mini-Wirtschaftsraum, dem sie angehören, z.B. in Rimini oder in Florenz einkaufen).

3. Arbeitslöhne

Sowohl im Gutscheinsystem als auch im Kreditkompensationssystem gibt es unterschiedliche Modelle zur Auszahlung (bzw. Teilzahlung) von Löhnen. Die Thematik hierbei ist jedoch vergleichsweise komplex und erfordert ein intensives Studium der geltenden Regularien. Es wäre Aufgabe der Expertenkommission dieses Thema vollständig für die lokale Regionalwährung aufzuarbeiten.

4. Lokale Produkte, internationale Vernetzung u. Tourismus

An den klassischen Möglichkeiten Südtiroler Produkte mit offiziellen, internationalen Währungen zu erwerben ändert sich nichts. Grundlegend sind und sollen die Produkte einheimischer Betriebe (Mitglieder des Gutscheinsystems) weiterhin in Euro ausgeschildert werden. Ein Tourist oder ein einheimisches Nicht-Mitglied des Gutscheinsystems verwendet für den Kauf Euro. Die Optionen ändern sich lediglich für die Mitglieder des Gutscheinsystems, welche die Möglichkeit haben Teile des Kaufpreises über Gutscheine zu bezahlen.

Die Verwendung von Gutscheinen als paralleles Zahlungsmittel steigert die Attraktivität lokaler Produkte: Wenn das Land Südtirol z.B. Sozialbeiträge über Gutscheine auszahlt, wenn ein Arbeitnehmer Boni oder Gehaltszulagen in Form von Gutscheinen erhält, dann haben all diese Inhaber von Gutscheinen ein Interesse die Gutscheine für regionale Produkte auszugeben. Sie werden z.B. das einheimische Joghurt dem preislich günstigeren Müller-Joghurt aus Deutschland vorziehen. Auf diese Weise wird regionale Kooperation und Integration gefördert, aus der sich wiederum Entwicklungspotenziale und neue Marktchancen ergeben.

Die wechselseitig umtauschbaren, Euro-gekoppelten Regionalwährungen (s. MirSarner, Gutscheine Tourismusverein Brixen, etc.) können auch von Touristen erworben werden. Häufig werden diese Gutscheine am Ende des Urlaubaufenthalts nicht wieder in Euro gewechselt. Dadurch entsteht der Emissionsstelle der Gutscheinplattform ein kostenloser Reingewinn bzw. eine s.g. Seigniorage.

5. Erfolgschancen

Auch hier muss zwischen einem Kreditkompensationssystem und den Gutscheinsystemen unterschieden werden. Kompensationssysteme sind Plattformen, welche von professionellen Anbietern vorwiegend für Unternehmen installiert und betrieben werden. In den letzten Jahren ist die Ausdehnung solcher Systeme bedeutend angestiegen. Das an den Schweizer Franken gekoppelte WIR-System umfasst über 45.000 inskribierte KMU’s und 15.000 Angestellte. Es setzt pro Jahr ein Transaktionsvolumen von ca. 1,3 Mrd. WIR-Franken um. Das Sardex-System war nach Beteiligung der öffentlichen Körperschaften von derartigem Erfolg gekrönt, sodass es von der Sella-Bank übernommen wurde. Es bescherte den eingeschriebenen Betrieben in den ersten vier Jahren ab 2009 eine durchschnittliche Umsatzsteigerung von 15-20%.

Gutscheinsysteme wurden bisher stets auf der Grundlage von privaten, lokalen und zum Teil idealistischen Initiativen ins Leben gerufen. Der Chiemgauer ist ein entsprechendes Beispiel dafür. Bis dato haben sich öffentliche Körperschaften (z.B. ein Land, eine Provinz) nicht oder nur in sehr begrenztem Maße an solchen Systemen beteiligt. Deshalb bekommen diese Systeme oftmals nicht die kritische Größe und Schwungkraft, um einen wesentlichen Anteil am Wirtschaftsaufkommen zu bedienen. Genau diesem Risiko wird mit einer Beteiligung der öffentlichen Körperschaften unseres Landes von Beginn an vorbeugt. Auf diese Weise bleibt die Vision nicht eine Spielerei einiger weniger Enthusiasten. Sie wird professionell auf- und umgesetzt und dient auf diese Weise der kollektiven wertstabilen Grundversorgung der Südtiroler Bevölkerung.

Wichtigkeit, Sinn und Appell

Über die Struktur, die Funktionsweise und die Auswirkungen des verzinsten Schuldgeldes haben wir bereits viel verfasst und veröffentlicht. Wir sehen in diesem Schreiben daher von einer Wiederholung des bereits Gesagten ab. Fakt ist, eine schier erschlagende Vielzahl von wissenschaftlichen Argumenten, aktuellen Phänomenen und Szenarien der Finanzwirtschaft sprechen für die absolute Dringlichkeit, dass die Politik neu über „Geld und lokale Versorgungskreisläufe“ nachdenkt.

In Stichpunkten muss zur Unterstreichung der Brisanz abschließend Folgendes gesagt werden.

  • Die staatlichen und internationalen Währungssysteme bauen auf Geld in Form einer verzinsten Schuld. Diese Struktur des Geldes bewirkt eine automatische und mathematisch zwingende Vermögensumverteilung von allen zu einer schwindend kleinen Finanzelite.
  • Über 90% der weltweit vorhandenen Geldmenge ist ohne gesetzliche Grundlage durch die Privatbanken in Form von Buchgeld geschöpft.
  • Es ist mathematisch unmöglich im System des Schuldgeldes die Gesamtschulden zu tilgen. Auch die globalen Realwerte reichen nicht für eine Rückzahlung aus.
  • In der Folge steuern die Finanzmärkte und die internationalen Währungssysteme auf einen weiteren globalen Crash mit ungeahnten Folgen zu.
  • Staaten und öffentlichen Körperschaften wird Zinszahlung für Zinszahlung ihre Souveränität entzogen. Millionen von Menschen werden zum Spielball übermächtiger Spekulationsfonds und Großkonzerne.
  • Die Versorgungssicherheit der meisten Menschen ist im Falle eines globalen Finanzcrashs massiv gefährdet.

Die Etablierung eines regionalen Währungssystems in Südtirol ist die strategisch wichtigste Maßnahme um die negativen Folgen der globalisierten Währungssysteme für unser Land zu entkräften und um öffentliche Sicherheit und kollektive Grundversorgung zu gewährleisten. Zum gegebenen historischen Zeitpunkt ist eine Regionalwährung demnach Teilbestand des Zivilschutzes!

Unsere persönliche Teilnahme an den Aktionärsversammlungen verschiedener europäischer Großbanken (UniCredit, Intesa-SanPaolo, UBI, MPS, UBS, Deutsche Bank, BNP Paribas, etc.) und die Analyse ihrer Bilanzen lieferte uns eindeutige Ergebnisse, welche die vorgenannten Phänomene und Entwicklungstrends bestätigen. US-amerikanische und kaukasische Private-Equity-Fonds kontrollieren faktisch die wichtigsten europäischen Finanzhäuser und Notenbanken. Diesem Ausbeutungssystem fiel bis heute ein Großteil der Vermögenswerte von Staaten und von Millionen von Menschen zum Opfer. Diese Trends werden sich bei Ausbleiben eines entschlossenen wirtschafts- und finanzpolitischen Kurswechsels fortsetzen. Auch wirtschaftsstarke Regionen wie unser Land Südtirol können sich den Konsequenzen des internationalen Finanzcasinos nicht entziehen. Die Finanzkrise 2008 war der globale Vorbote, Griechenland ist das erste europäische Land welches unter dem Vorwand seiner finanziellen Rettung von den internationalen Investmentbanken vollkommen geplündert wurde.

Durch das verzinste Schuldgeld entstehen auch in Italien den öffentlichen Körperschaften horrende Kosten. Allein im Jahre 2012 bezahlte der Staat € 80 Mrd. an Passivzinsen auf seine Schulden. € 493 Mio. betrug die Zinslast für die öffentlichen Körperschaften Südtirols. Diese Beträge stemmen die Bürgerinnen und Bürger in Form von Steuern. Eine vierköpfige Familie bezahlt demnach ca. € 8.000 pro Jahr an reinen Kapitalkosten auf die Staatschuld. In einem Vollgeldsystem wären diese Kosten vernachlässigbar. Italien hat in den letzten 30 Jahren € 3.100 Mrd. an Kapitalzinsen bezahlt. € 400 Mrd. betrugen die Verluste öffentlicher Körperschaften durch Derivatgeschäfte. Auch die Aktionäre und Sparer der börsennotierten italienischen Großbanken erlitten Milliardenverluste durch Leerverkaufsgeschäfte der internationalen Hedge-Funds.

Es versteht sich von selbst, dass es für einen Volksvertreter mehr als unverantwortlich wäre sich weiterhin diesem zentralen Thema zu verschließen. Wir sind überzeugt, das Land Südtirol ist prädestiniert für die erfolgreiche Einführung einer Regionalwährung. Deshalb sind wir nach wie vor bereit mit Ihnen, werte Landtagsabgeordnete, zusammenzuarbeiten und Sie in dieser Angelegenheit gemeinsam mit hochrangigen Experten zu beraten. Wir unterstreichen hierbei, dass wir keinerlei persönliche Interessen verfolgen. Unsere Arbeit ist ehrenamtlich. Sie motiviert sich aus einer tiefen Bewusstheit und Überzeugung: Ein Wirtschafts- und Finanzsystem in Kooperation und ökologischer Nachhaltigkeit ist der Grundstein für ein versorgungssicheres, freies und würdiges Leben der Menschen.

Für weitere Kurzinformationen zum Thema verweisen wir auf die Publikationen unserer Website, vor allem den unlängst veröffentlichten Artikel „Schutzschild RegioGeld“.

In der Erwartung Ihrer geschätzten Rückmeldung verbleiben wir im Namen des Teams von HumanEconomy

Mit freundlichen Grüßen

UnterschriftPaul                                                     UnterschriftChristoph

Dr. Paul Kircher                                                       Dr. Christoph Pizzini

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